Vorschläge für die zukünftige Nutzung von Kraftfahrzeugen in Wiesbaden

Vorwort
Nach einem halben Jahrhundert bevorzugter Förderung des Autoverkehrs – der Ausrichtung der Verkehrswege und der Städteplanung auf eine optimierte Autonutzung – stößt diese Politik an ihre Grenzen, oder anders ausgedrückt, sie fährt in eine Sackgasse:

Wir können uns aus Klimaschutz- und Gesundheitsgründen das Autofahren so nicht mehr erlauben. Bei über 40 Millionen Autos in Deutschland können sie ihr Mobilitätsversprechen nicht mehr erfüllen – immer häufiger stecken sie im Stau.

Aber auch aus Gründen der Wirtschaftlichkeit gehört das Auto nicht mehr in das 21. Jahrhundert: Bei knapper werdenden Rohstoffen und Flächen, bei ihrer absehbaren Endlichkeit, ist es nicht mehr vertretbar, ein Fahrzeug zu produzieren, das durchschnittlich 95 % des Tages nur herumsteht.

Insofern wird es höchste Zeit, sich bei der Planung für ein lebens- und liebenswertes und zukunftsfähiges Wiesbaden über die zukünftige Nutzung des Autos Gedanken zu machen und Wege der Veränderung einzuschlagen.

Zwei Handlungsschienen sind wichtig: Es müssen kostengünstige, bequeme und auch zeitlich vertretbare Alternativen zum eigenem Auto angeboten und die Wiesbadener müssen dabei überzeugt und mitgenommen werden. Denn, so wie die Autoorientierung der Verkehrsplanung als selbstverständlich angesehen wurde, so ist insbesondere bei der mittleren und der älteren Generation das Auto immer noch Ausdruck einer individuellen Freiheit, die man nicht aufgeben möchte.

Allerdings ist nur der erste Aspekte Inhalt dieses Konzeptes. Hier geht es darum, die Nutzung des Autos, das auf absehbare Zeit ein wesentlicher Bestandteil unserer Mobilität bleiben wird, zu optimieren, sie so umzugestalten, dass wir einen guten Weg in die Zukunft finden.

Es wird nicht leicht sein, allen Interessensgruppen gerecht zu werden: deutlich weniger als 50 % der in Wiesbaden Beschäftigten wohnen in Wiesbaden, der andere Teil pendelt von auswärts ein. Fast eine ähnlich große Anzahl Wiesbadener arbeitet auswärts. Somit fahren über 100.000 Menschen täglich zur Arbeit in die Stadt und wieder heraus. Ähnliche Verhältnisse gelten für andere Aktivitäten wie Einkaufen und Freizeitvergnügungen. Dabei werden in Wiesbaden rund 50 % aller Wege mit dem Auto
zurückgelegt.

Es gilt somit für alle Gruppen, sich auf Kompromisse einzulassen. Unser Konzept soll Anregung und Hilfe sein, sich mit diesem Thema zu beschäftigen und darüber zu diskutieren.
Nur wer weiß, wo es hingehen soll, kann Entscheidungen treffen – dafür steht dieses Konzept. Es kann und will dabei nicht alle Einzelheiten berücksichtigen, das bleibt den Fachleuten überlassen.

Für den Einfahrverkehr
Der wichtigste Ansatzpunkt, um den Einpendelverkehr zu reduzieren ist: durch gute, bequeme und kostengünstige Alternativen die Nutzung des eigenen Autos zu vermeiden, – und zwar unabhängig davon, ob man zum Arbeiten, zum Einkaufen oder zu anderen Aktivitäten in die Stadt kommt.
Dazu gehören:

  • eine gute Bahnverbindung nach Wiesbaden
  • ein guter Anschluss des ÖPNV an die Bahn
  • ein guter ÖPNV aus dem Umland
  • ein bequemes Bike- und Carsharing-System
  • bequeme, sichere und günstige Mitfahrgelegenheiten

Alle anderen, die mit dem Auto nach Wiesbaden kommen, sollten kostenfrei die bereits vorhandenen oder noch auszubauenden Park & Ride Plätze vor den Toren der Stadt und die schnelle Weiterfahrt in die Innenstadt mit einem der alternativen Verkehrsmittel (wie Schnellbus, Straßenbahn, Mietfahrrad, Elektro-Mietauto) nutzen.
So könnten an den Einfallstraßen ausreichend große Parkzonen eingerichtet werden:

  • Für den Verkehr aus dem Norden in Taunusstein (vor der Querung des Taunushöhenzuges)
  • Für den Verkehr aus dem Nordosten in der Nähe der Autobahnausfahrt Niedernhausen
  • Für den Verkehr aus dem Osten in der Nähe der Autobahnausfahrt Erbenheim
  • Für den Verkehr aus dem Süden und Westen in der Nähe des Schiersteiner Kreuzes

Hier sollte das Prinzip der kurzen, sicheren, sauberen, wettergeschützten Abstellplätze, Wege und Umsteigestellen gelten.
Zusätzlich könnten diese Parkplätze auch als leicht zu erreichende Treffpunkte für selbstorganisierte Mitfahrgelegenheiten genutzt werden.
Wer trotzdem noch mit dem eigenen Auto in die Innenstadt fahren möchte, hat eine City Maut zu entrichten. Der Preis für die Einfahrt in die Stadt sollte deutlich höher sein als die anderen Alternativen.

Für den Anliegerverkehr
In allen historisch gewachsenen Städten steht nur eine begrenzte Fläche für den Verkehr zur Verfügung, deswegen konkurrieren die verschiedenen Verkehrsträger um diese Flächen. Fast alle Verkehrsplaner weltweit sehen heute den Ausbau eines sicheren und guten Radwegenetzes als wichtigen Baustein, um eine Stadt fit für die Zukunft zu machen, und sehr viele Städte, große und kleinere, befinden sich da schon auf diesem Wege. Wiesbaden hinkt hier allerdings noch etwas hinterher. Deshalb ist klar, dass für viele innerstädtische Straßen vorhandene Autoparkplätze zurückgebaut werden müssten. Eine Entwicklung, die mit Sicherheit viel Widerspruch auslösen wird. Aber wenn Straßen ausreichend Platz zum Leben und für die Kinder zum Spielen bieten, wenn möglichst keine Abgase mehr die Luft verpesten und damit die Gesundheit und das Klima schädigen, wenn der Verkehrslärm reduziert wird, dann profitieren alle davon, insbesondere die Anlieger.
Für Wiesbadens Verkehrspolitik der Zukunft wäre somit eines der wichtigsten Ziele den Anwohnern ein gutes Mobilitätsangebot zu bieten. So wird es den meisten Menschen leicht fallen, auf ein eigenes Auto ganz zu verzichten. Dazu gehört auch hier:

  • ein gutes und günstiges, am besten sogar ein kostenfreies ÖPNV-System mit bequemen Zubringerdiensten (zum wenig bekannten Kostensparpotential des ÖPNV: laut einer Kopenhagener Studie spart jeder nicht gefahrene Auto-km der Gesellschaft 16 Cent)
  • ein gutes Radwegenetz mit sicheren Abstellmöglichkeiten und Fahrradverleihsystem
  • ein breites Carsharingangebot mit vielen ausgewiesenen Carsharingparkplätzen und somit kurzen Wegen zum Miet-Auto
  • den Fußgängern als wichtigste innerstädtische Verkehrsteilnehmergruppe eine komfortable Infrastruktur anzubieten

Das Auto wird auf absehbare Zeit sicher weiterhin ein wichtiges Transportmittel bleiben und damit auch ein Bedarf an Parkplätzen fortbestehen. Als Ausgleich für die in der Innenstadt fortfallenden Parkflächen können die Park & Ride Plätze außerhalb der Stadt kostenfrei genutzt werden. Und da nach unserem Konzept weniger Autos der Einpendler in die Stadt fahren werden, stehen den Anwohnern auch mehr Plätze in den Parkhäusern zur Verfügung. Für das Parken in der Innenstadt haben aber auch die Anlieger City-Maut zu entrichten.
Um diese Abstellalternativen auch weniger mobilen Bewohnern zu ermöglichen, sollte schnellstens ein bequemer Bringservice aufgebaut werden, in der Übergangsphase durch Taxis, perspektivisch allerdings durch abrufbare, teils selbstfahrende kleine Transporteinheiten.

Für den Durchgangsverkehr
Um den Durchgangsverkehr aus der Innenstadt fernzuhalten sind drei Maßnahmen hilfreich, die auch in anderen Zusammenhängen schon genannt wurden:

  • Eine City Maut für die Innenstadt
  • Tempo-30 als Regelgeschwindigkeit für die ganze Stadt
  • Tempo-50 für die Straßen, die zur Durchfahrt genutzt werden sollen

Für die Ost-West-Achse steht die A66 zur Verfügung. Hier könnten die Zu- und Abfahrten vor der Innenstadt beschleunigt werden, so dass die Autobahnnutzung zeitlich mehr Vorteile bringt als eine Stadtdurchfahrt.

Als Nord-Süd-Querung erhält der 2. Ring eine Tempo-50-Ausnahme und Lärmschutzmaßnahmen für die Anleger, wobei die Anbindung an die A66 zu verbessern ist.

Für den LKW-Verkehr
Ein Verbot des Durchgangsverkehrs für LKWs ist bereits Konsens. Für den Zuliefer-Verkehr (natürlich mit Ausnahmen) gibt es, ähnlich wie für die Einpendler, die Parkplätze außerhalb der Stadt. Hier könnten Umladestationen auf elektrische Kleintransporter eingerichtet werden.
Verladestationen sind auch an den Bahnhöfen notwendig, da eine Verlagerung von Transportleistung auf die Schiene ein weiterer wichtiger Baustein für eine schadstoffärmere Zukunft ist.

Fazit
Diese Vorschläge, über deren Details natürlich noch ausführlich diskutiert werden sollte, ermöglichen vielen Autofahrern eine reduzierte Nutzung, für manche gar den Verzicht auf das eigene Auto. Sie reduzieren deutlich den CO 2 -Ausstoß im Verkehr, machen die Stadt Wiesbaden schadstoffärmer, reduzieren den Lärm und schaffen Platz für neue Lebensqualität in der Innenstadt.
So könnte z.B. die Schwalbacher Straße wieder zu einem verbindenden Boulevard, die Oranien- und Moritzstraße zur bequemen Radverbindung werden mit neuem Grün und neuem Straßenleben.
Mit einer derart veränderten Verkehrsstruktur wird die Innenstadt an Wohnqualität gewinnen und damit werden wohl auch die Mieten steigen. Damit diese Verbesserungen nicht zu einer Verdrängung der jetzigen Mieter führt, sind vorsorgende Maßnahmen zu ergreifen.

Schlusswort
Es ist den Autoren bewusst, dass ein langer Weg und langer Atem notwendig ist, um ein solches Konzept umzusetzen. Doch es ist dringend notwendig, endlich mit den Veränderungen zu beginnen. Es ist uns auch bewusst, dass dies nur ein kleiner Teil der zu bewältigenden Aufgaben für unsere Gesellschaft ist. Insgesamt sind wir Bürger aufgefordert, unsere Einstellungen, unser Verhalten, unseren Konsum und eben auch unser Mobilitätsverhalten zu hinterfragen, auf den Prüfstand zu stellen und der Verantwortung unseren Kindern und Enkeln und einer zu gestaltenden lebenswerten Zukunft gegenüber gerecht zu werden.

Genauso sind auch die Politiker gefordert, den Mut aufzubringen, mit Vergünstigungen, mit Regeln und Verboten die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Wobei es wichtig ist, in der zeitlichen Abfolge mit den verbesserten Alternativen zum Auto und deren Vergünstigungen zu beginnen, bevor mit Reglementierungen und Einschränkungen für das Autofahren nachgelegt wird.

Natürlich wird es eine solch neue Verkehrsinfrastruktur, und damit eine Erhöhung unserer Lebensqualität, nicht zum Nulltarif geben.

Wir sind ein reiches Land und sollten es uns wert sein.

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